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Garth Davis’ Film „Maria Magdalena“ : Filmisches Schweben und Weben

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Von Joachim Valentin

Dieser Film ist eine Sensation. Und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Hier haben sich Produzenten, Schauspieler, Musiker, Autoren und ein Regisseur zusammengefunden, die man alle mit gutem Recht der Avantgarde ihres Faches zurechnen darf. Garth Davis, Regisseur der preisgekrönten australischen Serie „Top of the Lake“, reüssierte gerade auch in Europa mit „Lion“, in dem die bezaubernde Magdalenen-Darstellerin Rooney Mara bereits überzeugen konnte. Joaquin Phoenix, der 43-jährige Jesus-Darsteller, begeisterte bereits als Johnny Cash in „Walk the Line“. Dass Petrus in diesem konsequent aus weiblicher Perspektive erzählten alternativen Bibel-Film mit einem Afro-Briten (Chiwetel Ejiofor) großartig besetzt ist, fällt da bestenfalls als deutliche Antwort auf den rassistischen US-Präsidenten und seine Freunde im Bible Belt  ins Gewicht. Sie alle haben einen auf den ersten Blick konventionell wirkenden Bibel-Film gedreht, der sich zugleich auf dem aktuellen Forschungsstand der biblischen Zeitgeschichte bewegt und doch die Bedürfnisse spirituell Suchender und um Gender-Gerechtigkeit ringender Menschen weltweit abbilden dürfte. All das, nachdem Papst  Franziskus Maria Magdalena 2016 als Apostelin der Apostel zur Ehre der Altäre erhoben und sie so von dem Ruch befreit hat, „nur“ eine bekehrte Sünderin, ja eine Prostituierte gewesen zu sein. In diese Lage hatte sie, die immer schon die weiblichen Apostel-Listen als Kontrahentin des Petrus angeführt hatte, ein „Missverständnis“ Papst Gregors des Großen gebracht – wohl nicht ohne patriarchales Kalkül des großen Petrus-Nachfolgers. Dan Browns  Gerüchte um eine Ehe von Jesus und Maria Magdalena in „Sakrileg“ und das „I don’t know how to love him“ aus „Jesus Christ Superstar“ führen da nur auf eine modernistisch sensationelle (nicht etwa „feministische“) und also auf die falsche Fährte, wenn man um ein realistisches Bild jener für das frühe Christentum so prägenden Frau bemüht ist. Dass diese Fährte falsch war, weiß man – wie vieles andere – spätestens, wenn man diesen bis ins Detail der handgewobenen Woll- und Leinenkleider sorgfältig gemachten und jede Modernisierungsattitüde vermeidenden Film gesehen hat. Es fasziniert, wie genau, geradezu intuitiv er in Bild und Ton das trifft, was vielleicht wirklich geschah: Eine junge, spirituell tief bewegte Frau stieß gegen den Willen ihrer Familie zur „Männergruppe“ der eher militärisch-revolutionär gestimmten Apostel und ihres suchenden, findenden und heilenden Meisters und (beg-)leitete ihn in Leiden, Tod und Auferstehung. Dass Maria Magdalena mit wenigen unter dem Kreuz und als Erste am Grab war, versteht, wer ihre Geistesverwandtschaft mit dem keineswegs den Tod, sondern eine authentische Reich-Gottes-Verkündigung suchenden Jesus sieht. Mithilfe einer raffinierten Schnitt-Gegenschnitt-Technik bringt Davis das ins Bild: Magdalena erscheint immer wieder als Zeugin, mehr noch aber als Inspiratorin der entstehenden christlichen „Botschaft“. Diese besteht in der bedingungslosen, vor allem körperlichen Zuwendung des Messias. Wer dies als „Reiki“ denunziert, hat die Evangelien nicht gelesen, denn auch dort tritt uns immer wieder ein bodenständiger Mann entgegen, der weder Bilder aus dem derben Landleben noch den unmittelbaren Körperkontakt noch naturreligiöse Heilmittel wie Speichel oder Erde scheut. Dass auch die von einigen Rezensenten als überflüssig empfundene dramatische Dämonen-Austreibung dem biblischen Text entspricht, sei nur am Rande vermerkt (Lk 8,2). Irritierend ist da eher schon die wichtige Rolle, welche die Wassertaufe in der Gruppe um Jesus gespielt haben soll. Dass Glaube, Transzendenz, Heilung nicht durch die endlose Rezitation von Bibelworten, wie in beinahe allen bisherigen Jesus-Filmen, sondern durch Fühlen, Schmecken, Berühren, Schauen und Hören entsteht, gehört zu den unmittelbarsten Eindrücken des Films. Eine berückend und mutig gezeigte Stille, der Charme von Einfachheit und Nichtstun, aber auch der eindrückliche Wechsel von Dunkelheit und Licht und die neoklassische Musik von  Hildur Gudnadóttir und Jóhann Jóhannsson wirken so subtil wie konstitutiv. Theologisch fasziniert vor allem eine Szene, in der Jesus hilflos, aber in Begleitung von Maria Magdalena, einer Gruppe von Frauen gegenübersteht. Wie fremd sich die Geschlechter gewesen sein müssen, macht der Film an mehreren Stellen deutlich. Hier lehrt Magdalena Jesus, dass er den Frauen das Gleiche predigen darf und soll wie den Männern, etwa das Vaterunser, das ihnen, unabhängig von Vätern, Männern und Brüdern, gleichberechtigten Zugang zum Heiligen, zu Gott, ermöglicht. Wie aufsehenerregend das war und vielfach bis heute ist, und wie sehr Jesus hier weiblicher Hebammen-Hilfe bedurfte, bleibt lange im Gedächtnis.

Quelle: Herder Korrespondenz 72. Jahrgang (2018), Heft 4, S. 52

Rubrik: Religion & Film

2 Kommentare

Von am

Es gibt Momente in dem Film, welche tief berühren. Gerade wegen ihrer ganzheitlichen Darstellung von Gnade und Liebe. Maria Magdalena wird als eine lebenskluge empathische Frau dargestellt, die es aber trotzdem oder gerade deswegen mit den anderen Aposteln locker aufnehmen kann. Sie hat genau erkannt, dass Veränderung nur bei uns selber anfangen kann. Die Absage an jeden politischen Fanatismus und der stete Hinweis auf das Zu hören hat mir sehr gefallen. Manchmal driftet der Film in eine für mich Pseudo mystische Realität, die unnötig erscheint. Das schweben im Wasser ist am Anfang ein gutes stilistische Mittel um Marias Gefühl von Freiheit darzustellen. Am Schluss genau zu viel. Jesus erscheint mit zu oft desorientiert, was mich vielleicht ob meiner männlich geprägten Erziehung gestört und verwirrt hat.
Der Film ist sehenswert, schafft es für mich aber nicht ein tiefes Gefühl in die kommende Oster zeit mizunehren.

Von am

Mit „Lobeshymnen“ angekündigt – Zuschauererwartung nicht erfüllt
Nach den gleichsam mit Lobeshymnen geweckten großen Erwartungen der Filmkritik und einiger Kommentatoren habe ich den Film „Magdalena“ von Garth Davis gesehen. Da titeln: Die Herderkorrespondenz "Filmisches Schweben und Weben" und weiter: "Dieser Film ist eine Sensation - die Wochenzeitung „Die Zeit“ (Nr. 12 – 15. März 2018) „Die Frau des Heilands – In … Maria Magdalena wird das christliche Heilsgeschehen neu und endlich vollständig erzählt“ - K u L (Kirchenzeitung Bistum Münster, Nr. 10 – 11. März 2018) „Ein starker Film und eine starke Frau“, und in Christ in der Gegenwart (Nr. 11/2018) heißt es: „Ehrenrettung einer an den Rand Gedrängten – Mit Maria Magdalena kommt ein frischer, überzeugender Bibelfilm … in die Kinos.“
Dazu einige Anmerkungen aus der Erfahrung eines Zuschauers dieses angeblich außergewöhnlichen – intelligenten und spektakulären - Film-Werkes. Die Ernüchterung und Enttäuschung fängt schon bei den als großartig gelobten Landschaftsaufnahmen an. Das ist aber nicht die fruchtbare Landschaft Galiläas um den See Genezareth, sondern eine kahle felsige Gebirgslandschaft in Süditalien. Durch diese Landschaft pilgert eine Gruppe Männer mit langen Bärten, wehenden Haaren, wallenden Gewändern und ausgetretenen Sandalen. In ihren Reihen eine Frau, die eigentlich nicht dazu gehören sollte.
Der Film-Jesus aber scheint Gefallen an ihr zu finden, und sie verehrt ihn geradezu – aus ehrfürchtiger Distanz. Ein stiller Film sei es. Aber die spärlichen Dialoge ohne Spannung, wirken eher aufgesetzt ohne Authentizität der Sprecher. Und der Film-Jesus scheint eher gelernte Texte zu zitieren. Darin steht ihm die Film –Magdalena in Nichts nach. Die pathetische Filmmusik kann das nicht ausgleichen, mutet eher wie „dickflüssige Soße“ (J. H. Clausser) an.
Da taumelt am Anfang des Films und gegen Ende eine Frauengestalt in waberndem Kleid durch trübes Gewässer in die Tiefe - müsste längst ertrunken sein - taucht aber wieder auf und fragt den Film-Jesus geheimnisumwittert, ob sich so Gott anfühle. Und der bärtige Film-Jesus mit ungepflegt zotteligen Haaren lächelt süffisant, dass ihn noch niemand gefragt habe, wie sich Gott anfühle. Der historische Jesus sprach mit Vollmacht, der Film-Jesus plaudert nur. Nein, einmal scheint er gleichsam aus der Haut zu fahren, als er den Jüngern – sie haben seinetwillen alles verlassen - eine moralische Standpauke hält, sie gleichsam abkanzelt, wenn er tönt, sie sollten die Flecken ihrer Verderbtheit fortwaschen; denn jeder einzelne von ihnen tue ja nur, was ihnen gefalle, was ihnen Nutzen bringe, damit ihre Tage auf der Erde unbeschwert und schön verstreichen könnten.
Was hatte Jesus mit Maria Magdalena? Wir wissen es nicht! Eine Schlüsselszene des Films aber ist aufschlussreich. Dreimal drückt Jesus Maria gewaltsam rücklings ins Wasser: 1. „Ich taufe dich mit Wasser, um dich zu reinigen.“ 2. „Ich taufe dich mit Licht und mit Feuer.“ 3. „Ich taufe dich, damit du neue geboren wirst, erwachst und bereit für den Tag, der kommt.“ - Nur nebenbei – der historische Jesus hat nicht getauft. – Der Film-Jesus umgreift Magdalena, drückt sie an sich, und die Augen der Film-Magdalena verraten mehr, als eine spirituell-platonische Liebe ahnen lassen. Sie ist einverstanden mit der gewaltsamen Besitzergreifung und Indoktrination ihres Film-Macho-Jesus.
Hat man sich so die emanzipierte Magdalena vorzustellen? Wie der historische Jesu liebevoll einer Frau begegnet, das erzählt das Lukas-Evangelium im 7. Kapitel, als Jesus der Sünderin im Haus des Pharisäers ihre Würde wiedergibt.
Und dann auch noch die Szenerie der Auferstehung. Das wie in einem Puppentheater arrangierte Film-Abendmahl war schon eine Zumutung - mit Magdalena an dem Platz des Lieblingsjüngers Jesu – ohne jedes Gespür für die Dramatik der Situation im historischen Abendmahlssaal. - Aber dass der „Auferstandene“ auf einem Hügel in einem Geröllfeld mit Blick auf ein Gewässer in der Nähe eines Felsengrabes hockt und der „auferstandene“ Film-Jesus lediglich ein weißes Gewand trägt, statt der Kutte seiner irdischen Wanderzeit, sprengt das Zumutbare für den Gläubigen.
War schon die Wiederbelebung eines eingewickelten Leichnams – vermutlich Lazarus – durch den Film-Jesus abstoßend, so ist diese Szene eine groteske Verzeichnung eines in Raum und Zeit nicht darstellbaren Geschehens.
Und Magdalena verkündet den ungläubigen Aposteln, dass Jesus lebt. Sie werde nicht schweigen, sondern reden und man werde sie hören, haucht sie Petrus bedeutungsvoll zu.
Der aber verbietet ihr im Namen des Herrn zu reden. Er hat Recht behalten. Immerhin dauerte es fast 2000 Jahre, bis Magdalena als Apostolin in den Kreis der Apostel erhoben wurde.
Fazit: Dieser Film „Magdalena“ ist zu langatmig, zu breit angelegt, zu blutleer, nur peinlich.

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